| Spider
The Way To Bitter Lake
Martin Büsser schreibt in seinem im vergangenen Herbst im Ventil Verlag erschienen Buch über "Antifolk", diese im Rahmen von "Open Mic Sessions" in New York entstandene Szene sei eine musikalische und ideologische Abgrenzung und Abkehr von der Musikindustrie, gleichzeitig eine Rückkehr zu Eigeninitiative, Netzwerkbildung, Do-It-Yourself und damit eine Wiederauferstehung des Punk mit anderen, höchstens unterschwellig politischen aber umso mehr mit ironischen und subtilen Mitteln. Im Umfeld des Sidewalk Café, in dem seit mittlerweile mehr als 20 Jahren jene angesprochenen Open-Mic Sessions stattfinden, haben es bereits einige Antifolk-MusikerInnen geschafft, auf sich aufmerksam zu machen. Neben Adam Green, dessen Präsenz in so gut wie allen Fernsehsendungen von Tracks bis Harald Schmidt mittlerweile gehörig auf die Nerven geht, sind vor allem die wunderbare Kimya Dawson zu nennen, aber auch Beck, Jeffrey Lewis, die Moldy Peaches. Trotzdem stellt Antifolk nach Ansicht Büsser's keinen abgeschlossenen, örtlich begrenzten Nukleus dar, sondern vorrangig eine künstlerische Haltung: "[…] Antifolk ist derzeit nur ein, wenn auch exemplarisches Beispiel für die Rückkehr des Folk, des Songs, des Bohéme-Lebensentwurfs, der intimen Musik und des Wunsches nach direkter Kommunikation mit dem Publikum."
Ob Spider, deren 8-Track-CD gerade in meinem Player ihre Runden dreht, selber alle Büsserschen Kriterien für eine Einordnung in Antifolk erfüllt, kann ich nicht sagen, ließe sich wohl nur im Gespräch mit ihr herausfinden. Ist aber eigentlich auch relativ egal, schließlich kann ich mich nur auf den Promowisch, in dem steht, Spider habe ihre ersten Auftritte bei Open-Mic Sessions im Sidewalk Café absolviert, und auf die Songs verlassen. Letztere überzeugen mich zumindest vollkommen. Sparsam instrumentiert, nur mit Gitarre und Stimme ausgestattet, gelegentlich von anderen SängerInnen und HintergrundmusikerInnen unterstützt, entfaltet sie genau die richtige Musik für die Stimmung, in der ich dieses Review an einem grauen, regnerischen und düsteren Märznachmittag verfasse. Vielleicht referiere ich hier ausschließlich Klischees, keine Ahnung. Ich zumindest lasse mich gerade äußerst gern von Spider und ihrer weichen Stimme einlullen und wegtragen. Zwar zersprengen die Songs nicht unbedingt vorherrschende Songwriting-Konventionen, und bringen abgesehen von wirklich schönen, durchaus traurigen Texterzählungen auch auf der lyrischen Ebene nichts Neues oder Revolutionäres. Wenn das alles aber, so wie hier, einfach wundervoll, wunderschön gemacht ist, dann kann mich auch durchaus konventionelle Songwriter-Musik begeistern. Dass das Ganze auch noch durchweg sympathisch daherkommt und auch die CD selber herausgebracht wurde, verstärkt meinen positiven Eindruck nur noch. Super. Jetzt nur noch die Musik lauter drehen und den Vorhang runter machen.
mrks
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